Aham Sphurana

Ein Einblick in die Selbstverwirklichung

Bhagavan Sri Ramana Maharshi

Bedeutung von Satsang

Leseprobe

Wesentliche Auszüge aus dem Manuskript

F: Wird der Zustand des Bewusstseins, der – von Gedanken ungestört – beständig nur als das Selbst verbleibt, Sahajastithi [der natürliche Zustand eines Jnani] genannt?

B: Nein. Er wird Aham Sphurana genannt.

F: Was ist dann Sahajastithi?

B: Es ist nicht möglich, das zu beschreiben. Das reflektierende Wesen – das Bewusstsein, das sich in einem physischen Körper glaubt – wird zerstört. Nachdem dieses zerstört ist, bleibt allein das übrig, was immer gewesen ist. Es ist die Absolute Realität. Sie transzendiert die Dualitäten – wie Sein und Nichtsein, Wissen und Nichtwissen, Licht und Dunkelheit und dergleichen. Es ist DAS-WAS-IST; das ist alles, was man darüber sagen kann. Das ist das, was in der Bibel als JAHWEH bezeichnet wird. Obwohl es dort ein persönlicher Gott zu sein scheint, der die Geschicke der Kinder Israels lenkt, kannten die talmudischen Propheten des Altertums den transzendenten Aspekt ebenso wie Christus. Gott sagte zu Moses: „Ich bin Abraham, Isaak und Jakob als allmächtiger Gott erschienen, aber unter meinem Namen JAHWEH war ich ihnen nicht bekannt”. Andererseits kommt der Begriff JAHWEH in der Genesis mehrfach vor. Liegt darin ein Widerspruch? Nein. Die Propheten vor der Zeit Moses kannten den persönlichen Gott JAHWEH, aber Moses war der Erste, dem der transzendente, formlose Aspekt offenbart wurde. Die früheren Propheten kannten zwar den Namen, aber nicht seine Bedeutung. Sie liebten Gott und verehrten seinen Namen, aber sie verstanden nicht die Bedeutung oder den Sinn des Namens.

Der Name bedeutet: „Ich bin, wer ich bin“. Gott offenbarte Moses die Bedeutung des Namens, den früheren Propheten war nur der Name gegeben worden. Die Bedeutung des Namens ist, dass derjenige, der sich – ohne irgendein Objekt zu kennen – einfach nur seiner Subjektivität bewusst ist, in Gott aufgeht oder sich in ihn verwandelt. Dies ist keine intellektuelle Überzeugung oder verstandesmäßige Behauptung. Es ist das Erblühen der Herzblume [Hridayapundarikam] der Liebe – von innen heraus. 

F: Bhagavan erwähnte gestern etwas, das „Aham Sphurana“ genannt wird. Wenn man dieses Aham Sphurana erreicht hat, wie kommt man dann von dort zur Selbstverwirklichung des endgültigen Sahajastithi?

B: Wenn man Aham Sphurana erreicht hat, ist keine weitere Anstrengung mehr möglich. Für jemanden, der Sphurana erreicht hat, ist diese Frage unmöglich – wie jede andere Frage auch. Es gibt keine Zweifel, denn der Zweifler hat sich längst dem unendlichen Sein hingegeben, das in seinem eigenen Herzen als das Licht des wahren „Ich“ leuchtet. Jemand, der Sphurana erreicht hat und – statt zu schwanken – ständig darin versunken bleibt, würde niemals denken: „Ich habe Aham Sphurana erreicht; jetzt frage ich mich, wann mir die Verwirklichung des Absoluten Selbst erscheinen wird.” Er denkt auch keinen anderen Gedanken.

Wenn der Denkende nicht mehr da ist, wer bleibt noch übrig, um Gedanken zu produzieren? Wer unerschütterlich im Sphurana-Zustand verweilt, sehnt sich nicht nach Verwirklichung – und auch nicht nach etwas anderem –, denn er hat keine Bedürfnisse mehr. Da ein Absturz theoretisch immer möglich ist, wird Sphurana immer noch als Sadhana eingestuft. Es ist jedoch die erhabenste Stufe des Sadhana, denn sie wird – um in ihr zu bleiben – ohne die geringste Anstrengung oder Sankalpa [Wille] aufrechterhalten.

Kontinuierliches Sphurana ist erst möglich, nachdem das Ego endgültig aufgegeben wurde. Bevor es sich kontinuierlich manifestiert, ist es für den Sadhaka möglich, Einblicke davon zu erleben. Anstatt sich von diesen Einblicken ablenken zu lassen und anstatt sich absichtlich darum zu bemühen, sie aufrechtzuerhalten oder sie willentlich wieder herbeizuführen, sollte er sich ruhig fragen: „Wer hat das erfahren?“ Solange, bis das Sphurana kontinuierlich wird. Sobald das Sphurana zum Dauerzustand wird, wird es zu gegebener Zeit auch wieder erlöschen, so wie die Verbrennung eines Kampferblocks abgeschlossen ist, wenn weder Kampfer noch Flamme mehr zu sehen sind und nur noch die Wirklichkeit übrig bleibt – das ist der Sahajastithi [natürlicher Zustand] des Jnanasiddha [der, der wahres Wissen erlangt hat], nach dem du fragst.

F: Was sind die körperlichen Symptome von Sphurana? Kommt es zu einem Funktionsverlust der Sinnesorgane? Kommt es zu einem Verlust des Körperbewusstseins?

B: Es kann sein oder auch nicht, dass es zu einem unwillkürlichen Anfall vereinzelten Atemanhaltens kommt; es kann auch ein pochendes oder pulsierendes Empfinden geben – aber warum stellst du diese Frage? Wende dich nach innen und SIEH selbst. Das Wichtigste ist, dass es im Zustand von Sphurana so etwas wie „eine Entscheidung treffen“ nicht gibt. Alles wird von der höheren Macht entschieden … und dein Verstand, der die Fähigkeit verloren hat, Vielheit zu messen oder Werturteile zu fällen, ist reduziert auf das bloße Gewahrsein des Seins. Die Sinnesorgane funktionieren normal, die Entfremdung vom Körperbewusstsein ist noch nicht abgeschlossen, aber die Ereignisse der Außenwelt werden lediglich distanziert und ohne jegliche Abneigung oder Faszination beobachtet, so wie man einen Kinofilm ohne das geringste Interesse betrachtet. Die Handlungen sind nicht im Voraus geplant, sondern spontan. 

Der Körper wird zu einem Werkzeug in den Händen des Allmächtigen, Ekstase durchflutet die Seele, und geblendet vom Zauber des göttlichen Rausches weint und lacht, singt und schreit man – ohne ersichtlichen Grund. Dies sind nur sichtbare, äußere Symptome des tiefen Nach-Innen-Ziehens, die sich vielleicht nicht bei allen manifestieren. So ging es mir in Madurai, als ich im Meenakshi-Tempel Tränen der Sehnsucht vergoss, ohne die geringste Ahnung zu haben, warum. Selbst der Gedanke „Warum weine ich?“ kam mir nicht. Nicht alle können die Erfahrung machen, um Gott zu weinen, ohne zu wissen – und es ist ihnen egal –, ob sie in Sehnsuchts-Qualen oder in der Ekstase der Erfüllung weinen. Wichtig ist, ob innerlich Dehatmabuddhi [der Intellekt, der einen dazu veranlasst, das Selbst mit dem Körper zu identifizieren] oder Kartritvabuddhi [die Vorstellung „Ich bin der Handelnde“] durchbrochen wurden oder nicht. Wenn die Vorstellung „Ich bin der Körper-Geist-Komplex“ vollständig aufgegeben wird, bleibt keine Spur von Sankalpa oder Willen zurück. Ich habe nicht entschieden: „Lasst uns nach Tiruvannamalai gehen.“ Sondern (Gajapathi sah, wie die Gestalt auf dem Sofa mit einem seiner zarten Finger sanft seine rechte Schulter berührte): „Komm her!“ Das ist alles.

F: Und wie, wenn es „aufblitzt“, kann man Aham Sphurana erkennen?

B: Wenn sich die Erfahrung tatsächlich zeigt, ist es nicht möglich, sie zu verwechseln. Welche Beschreibung auch immer abgegeben wird, sie ist nicht nur nutzlos, sondern auch kontraproduktiv, denn wenn eine Beschreibung der Erfahrung von Aham Sphurana gegeben wird, verdreht und verzerrt der Verstand die gegenwärtige banale Erfahrung von nach außen drängenden, Befriedigung ersehnenden geistigen Impulsen in eine, die perfekt mit der gegebenen Beschreibung übereinzustimmen scheint – denn er will vermeiden, zerstört zu werden. Selbst wenn du also eine in dieser Halle abgegebene Beschreibung der Erfahrung des Aham Sphurana gehört hast, mach dir bitte nicht die Mühe, dich daran zu erinnern.

Wenn Aham Sphurana tatsächlich aufblitzt, wirst du es schon erkennen. Das Erkennen des Aham Sphurana braucht keine intellektuelle Bestätigung; es ist eine direkte Erfahrung des Selbst, die nur der Sahajastithi des Jnani unterlegen ist.

F: Im „Sat Darshana Bhashya“ und in „Gespräche mit Maharshi“ 1932 wird folgendes gesagt:

„Die Verwirklichung von Jnana ist immer ein Vritti. Es gibt einen Unterschied zwischen Jnana [geistige Veränderungen, Wissen] oder Verwirklichung und Swaroopa [Essenz], dem Wirklichen. Swaroopa ist Jnana selbst, es ist Bewusstsein; Swaroopa ist Sat Chit, das allgegenwärtig ist. Es ist immer da, erfüllt in sich selbst. Wenn du es verwirklichst, wird diese Verwirklichung Wahrhaftigkeit, Jnana genannt. Nur in Bezug auf deine Existenz spricht man von Verwirklichung oder Jnana. Wenn wir also von Jnana sprechen, meinen wir immer Vritti Jnana und nicht das Swaroopa Jnana [Wissen über die Essenz]; denn Swaroopa selbst ist immer Jnana-Bewusstsein.”

Ich finde diese Passage völlig verwirrend. Könnte Bhagavan sie mir bitte erklären?

B: Wenn der Verstand aufhört, sich für die objektive Welt zu interessieren, und unwillkürlich und mühelos in seinem angeborenen, ursprünglichen Zustand des reinen Seins verweilt, ist dies Vrittijnanam [Hinwendung des Verstandes nach innen]. Man kann nur dann sagen, dass man den Zustand von Vrittijnanam erreicht hat, wenn der Verstand nicht aufgrund eines Antriebs oder Ziels in diesem Zustand verbleibt, sondern aufgrund der Tatsache, dass er jetzt nichts anderes kennt. Der Verstand, der früher ein durch ein labyrinthisches Geflecht von Vrittis verborgenem Bewusstsein war, ist jetzt auf das einfache Bewusstsein des Seins reduziert, dem Anstrengung oder Zielsetzung völlig fremd sind. Es steht nicht infrage, ob still bleiben Anstrengung erfordert.

Stille ist jetzt der natürliche Zustand. Dies ist Manonivritti [Freiheit von Verstandesstrukturen] oder Vrittijnanam. In diesem Zustand gibt es nichts, was die Aufmerksamkeit von der subjektiven Wahrnehmung ablenken könnte. Der Verstand bleibt auf den Punkt seines Ursprungs fixiert. Das Licht des „Ich-Ich“ kann deutlich als leuchtend empfunden werden. Die Erfahrung des Aufblitzens des „Ich–Ich“ wird Aham Sphurana genannt. Da dieser Zustand nicht durch die Aufwendung geistiger Anstrengung, sondern vielmehr durch das Nachlassen des Verstandes herbeigeführt wird, sagen einige Bücher, dass es sich um einen transzendentalen Zustand handelt.

F: Ist das der Zustand eines Jnani?

B: Nein. Wenn im Jenseitigen sogar der verfeinerte Verstand zerstört wird, so ist dies das Sahajastithi des Jnani. Aber du brauchst dir über all das keine Sorgen zu machen. Das ist unnötig. Es reicht aus, das Ego zu verlieren. Danach geschieht alles automatisch.

B: Dieses Phänomen wird Aham Sphurana oder das „Aufblitzen des Ich“ genannt. Es zeigt an, dass zu dem Zeitpunkt, an dem dieses Aufblitzen auftrat, im Herzen ein Zustand unvollständiger oder partieller Versunkenheit vorherrschte. Der wünschenswerte Zustand ist die vollständige Versunkenheit.

F: Wie kann ich eine solche vollständige Versunkenheit erreichen?

B: Deine Bemühungen können nur so weit reichen wie das Sphurana [Aufblitzen] reicht. Verweile kontinuierlich und unaufhörlich in Sphurana; den Rest überlasse Gott oder dem Selbst.

F: Selbst während des Sphurana tauchen oft Gedanken auf, die mich ablenken. Was sollte ich in solchen Momenten tun?

B: Löse dich sanft von dem Gedanken – das ist alles. Das geistige Vermögen wird nicht zerstört, während du im Zustand von Sphurana bist; es befindet sich in einem Zustand der Ruhe oder Unterdrückung. Wann immer es wieder auftaucht, schaue genau auf den Gedanken, der dieses Wiederauftauchen verursacht hat, und er wird verschwinden. Stetiges, kontinuierliches Üben ist erforderlich, bis du dich auf natürliche Weise in Sphurana etabliert hast – das heißt, bis du einen Zustand erreichst, in dem keine Anstrengung deinerseits mehr nötig ist, um Sphurana aufrechtzuerhalten. Tauche den Verstand immer und immer wieder in Sphurana ein und halte ihn dort untergetaucht, bis du feststellst, dass Sphurana auf natürliche Weise und ohne jegliche Anstrengung deinerseits geschieht. Wenn es einen Wunsch oder eine Entschlossenheit im Verstand gibt, „Ich mache mit Sphurana weiter, weil ich dadurch Befreiung erlangen werde“, wird Befreiung niemals erscheinen. Sphurana sollte nicht das Ergebnis eines geistigen Prozesses sein; es sollte natürlich, motivlos, spontan und durch nichts verursacht sein. Nur dann wird Befreiung erscheinen. Diejenigen, die Befreiung erwarten, erhoffen oder wollen, werden sie nie finden. Gib dich Sphurana bedingungslos hin und es wird dich befreien.

F: Was ist der Unterschied – wenn überhaupt – zwischen dem Zustand des Nirvikalpa Samadhi [der Verstand ist aufgelöst, nur das Bewusstsein bleibt] und dem des Aham Sphurana [Einblick in die Selbstverwirklichung]? Welcher dieser beiden Zustände ist der bessere und welcher ist der höchste Zustand?

B: Beide sind gleichermaßen wertvoll. Im Nirvikalpa Samadhi kann das Körperbewusstsein abwesend sein. Nirvikalpa plus Körperbewusstsein ist gleich Aham Sphurana. Jedoch ist Aham Sphurana förderlich für die Zerstörung der Vasanas, während selbiges nicht möglich ist, wenn der Verstand vorübergehend in das Herz gezogen wird – wodurch das Körperbewusstsein abgeschaltet und die Möglichkeit der Sinneswahrnehmung für die Dauer der Erfahrung (des Samadhi) umgangen wird.

 F: Von Yogis wird gesagt, dass sie sich des Körperbewusstseins entledigen und jahrzehntelang in Abwesenheit dessen verharren.

B: Yogis versuchen, das Körperbewusstsein zu eliminieren, indem sie Kevala Kumbhaka [Anhalten des Atems] über ungewöhnlich lange Zeiträume praktizieren. Aber das Problem bei einem solchen Ansatz ist, dass der Wille oder die Absicht, ohne Körperbewusstsein zu bleiben, verbleibt und nicht angegangen wird. Aus diesem Grund ist es besser, nicht zu versuchen, das Körperbewusstsein gewaltsam auszulöschen – das schließlich nur eine harmlose Upadhi [Begrenzung] ist, sobald man die notorische, trügerische Gewohnheit der falschen Identifikation (des Selbst mit dem Nicht-Selbst) aufgegeben hat.

Alle Möglichkeiten des Wollens und der Anstrengung müssen zerstört werden, bevor Jnana beginnen kann. Entsprechend dem Prarabdha des Körpers wird das Upadhi des Körperbewusstseins automatisch wegfallen. Wir brauchen uns nicht darum zu kümmern und es nicht als ein Hindernis zu betrachten, das es zu beseitigen oder zu bekämpfen gilt. Du brauchst nicht zu versuchen, den Körper zu zerstören oder ihn irgendwie ins Nichts zu versenken. Es genügt, wenn du aufhörst, dich mit ihm zu identifizieren oder in irgendeiner Weise mit ihm in Verbindung zu treten. Der Versuch, den Körper loszuwerden, bedeutet, dem Körper weiterhin Aufmerksamkeit zu schenken. Lenke stattdessen deine Aufmerksamkeit vom Körper weg und auf das Selbst; das ist das, was zu tun ist. Was den höchsten spirituellen Zustand anbelangt, nach dem du gefragt hast, so ist es das Sahajastithi des Jnani. Er kann nicht durch Sadhana erlangt werden. Keine Anstrengung kann ihn erreichen. Gib dich ihm bedingungslos hin und du wirst in ihm aufgehen. Vichara [Selbsterforschung] dient nur dazu, den Verstand auf die bedingungslose Hingabe vorzubereiten. Wenn du dich absolut hingeben kannst, wo ist dann die Notwendigkeit für Vichara, und wo ist die Möglichkeit? Denn wer würde dann noch übrig sein, um zu erforschen?

F: Ist das Selbst auf der rechten Seite des Brustkorbs zu finden?

B: Nur so lange es für dich notwendig ist, anzuerkennen, dass du einen Körper hast. Hast du einen?

F: Ja, wie sollte ich das abstreiten? Sieht Bhagavan diesen Körper nicht, der mit ihm spricht?

B: Der Körper sagt nicht: „Ich bin du“. Du sagst, dass du es bist. Wenn du dich von dieser irrigen Einstellung gelöst hast, dass du irgendwie mit dem Körper verbunden bist, dann wirst du wissen, wo das Selbst ist. Das Selbst ist nicht irgendwo: Es IST.

F: Was ist mit Sri Bhagavans Vorstellung, dass der Hridayagranthi [der Knoten des Herzens] durch einen physischen Punkt im Körper repräsentiert wird? Wenn das Selbst nur inhärent vorhanden ist, verliert dann diese Vorstellung nicht ihre Gültigkeit?

B: Entdecke das nicht-duale Selbst und wir können uns später – sofern es notwendig ist – um seine Beziehung zum Körper kümmern; dann, nicht jetzt. Es stimmt, dass es auf der rechten Seite der Brust eine Öffnung gibt, die wie ein kleines Loch geformt ist. Diese Vorrichtung bleibt immer geschlossen, aber sie wird durch Vichara geöffnet; die Folge ist, dass Aham Sphurana hervorleuchtet. All dies ist jedoch nur von einem relativen Standpunkt aus gesehen so. In Wirklichkeit ist der Jnani, der im Zustand des Ajata Advaita [das Absolute] verweilt, für die „physische Realität“ unwiderruflich verloren. Diese Erklärungen sind nicht für ihn, sie wurden nur in Worte gefasst, um die Neugierde des gewöhnlichen Menschen zu befriedigen; ihre Wahrheit ist nur so wahr, wie die Wahrheit deiner eigenen körperlichen Existenz – und nicht darüber hinaus.

F: Würde eine Vivisektion (das Öffnen eines lebenden Körpers) durch einen erfahrenen Anatomen das Vorhandensein dieses Organs offenbaren?

B: Nein. Es befindet sich auf der feinstofflichen Ebene.

F: Und wenn man ein Mikroskop benutzt?

B: Ich wollte damit sagen, dass es meiner Erfahrung nach nur ein Ort für die Ansammlung geistiger Energie ist. Es mag sein, dass es gar keine physische Entsprechung gibt. Vielleicht kann man eine körperliche Empfindung des Pulsierens oder Pochens in dieser Region spüren. Tatsache ist, dass solche Dinge überhaupt nicht wichtig sind. Was wir tun – oder besser gesagt „nicht tun“ – sollten, ist, das Selbst zu verwirklichen. Was auch immer du erfährst ist nebensächlich. Wer ist der Erfahrende? Das ist die entscheidende Frage.

F: Ist das japanische Konzept von Satori dasselbe wie das hinduistische Konzept von Moksha [Befreiung]?

B: Nein. Satori ist Spandabhraja Samadhi [Aufgehen in Glückseligkeit] oder Aham Sphurana.

F: Was ist dieses „Ich-Ich“? Ist es das Gleiche wie Jnana?

B: Nein. „Ich–Ich“ ist das Stadium vor dem Sahajastithi des Jnani. Es ist bekannt als Aham Sphurana. Wenn das Sphurana kontinuierlich, unaufhaltsam und spontan wird – das heißt, wenn es sich sozusagen zu einer dauerhaften Erscheinung verfestigt hat –, führt es zum Sahajastithi. Im vedantischen Sprachgebrauch ist Aham Sphurana als Vrittijnanam bekannt. Es kann auch als kosmisches Bewusstsein bezeichnet werden. Es wird „kosmisch“ genannt, weil der Verstand in diesem Zustand in einer exemplarischen Form ist. Das heißt, er wird für die Dauer der Erfahrung nicht von Ahamvritti [„Ich“-Gedanke] gefangen gehalten. Wenn die Zerstörung der Poorvasamskaras [latente Veranlagungen] unvollständig ist, stellt sich danach Ahamvritti wieder ein und der Gedankenfluss setzt sich wie gewohnt fort. Sphurana, wenn es kontinuierlich beibehalten wird, schwächt Ahamvritti – welches allein die Ursache des Hridayagranthi [Knoten zwischen dem Empfindungsfähigen und dem Nicht-Empfindungsfähigen, d.h. dem Ego] ist – und schenkt Mukti [Freiheit von Verkörperung und Wiedergeburt].

F: Wie kann man Sphurana kontinuierlich aufrechterhalten?

B: Die Anstrengung, der Wille oder die Absicht, es zu tun, sind selbst ein Hindernis für das Leuchten von Sphurana. Wenn du so bleibst, wie du BIST, leuchtet das Sphurana von selbst.

F: Hat Bhagavan gesagt, dass die Sphurana-Erfahrung von einem prickelnden Gefühl auf der rechten Seite der Brust begleitet wird?

B: Lassen wir die körperliche Empfindung beiseite; sie mag durch Sphurana hervorgerufen werden, aber es ist nutzlos, zu denken, dass die bloße Erfahrung dieser Empfindung bedeutet, dass man etwas erreicht hat. Das Wichtigste ist, immer im Zustand mühe- und willenloser Gedankenlosigkeit zu bleiben. Das subtile „Ich“, das die Tatsache bezeugt, dass der Verstand in diesem Zustand verbleibt, muss ebenfalls verschwinden. Nur dann ist Verwirklichung möglich.

F: Manchmal sprichst du von etwas, das Aham Sphurana genannt wird. Ist das dasselbe wie das kosmische Bewusstsein?

B: Ja. Er wird so genannt, weil der subtile Verstand in diesem Zustand das Herz als pulsierende Schwingung spürt; die begleitende körperliche Empfindung auf der rechten Seite der Brust kann sich ebenfalls zeigen. Aber diese Empfindung ist im Großen und Ganzen keiner tieferen Betrachtung wert; sie dient nur als Hinweis darauf, dass der Verstand durch lange Übung weitgehend subtil und gelassen geworden ist. Es ist ein Symptom des Fortschritts, sollte aber nicht fälschlicherweise für das Ziel gehalten werden. Das Wichtigste ist, dass der Verstand immer in seinem ursprünglichen Zustand der mühe- und willenlosen Abwesenheit von Gedanken bleibt.

F: Wenn ich „Wer bin ich?“ erforsche, spüre ich auf der rechten Seite der Brust ein intensives, pochendes Gefühl im Herzzentrum, von dem Sri Bhagavan spricht. Es ist wie ein Gefühl, das ein Mensch hat, der von Emotionen überwältigt ist; es treibt mir Tränen in die Augen. Jedes Mal, wenn ich „Wer bin ich?“ erforsche, fühle ich mich zu diesem Zentrum hingezogen. Reicht es aus, an diesem Gefühl festzuhalten? Ich stelle diese Frage, weil ich gehört habe, dass Bhagavan meint, dass die Konzentration auf dieses Herzzentrum zwar eine nützliche spirituelle Übung, aber nicht dasselbe wie Vichara ist; und ich möchte nicht vom Weg abkommen und irgendetwas tun, was nicht ausdrücklich Vichara ist. Ich bin sehr bestrebt, mich in dieser Geburt zu befreien.

B: Anstatt dich zu bemühen, an dieser Empfindung festzuhalten, bleibe ohne Reaktion. Warum ein unechtes „Ich“ erfinden und es dann bitten, zu entscheiden, ob es an der Empfindung festhalten will oder nicht? Wenn du versuchst, an einer solchen Empfindung festzuhalten, wird sie verschwinden. Versuche nicht, irgendetwas mit Sphurana „zu machen“. Wenn du versuchst, irgendetwas damit „zu machen“ oder es festzuhalten, wird es verschwinden und du wirst dich fragen, was du falsch gemacht hast und warum die Empfindung verschwunden ist. Sphurana muss dauerhaft sein. Es wird nur dann bleiben, wenn du es in Ruhe lässt – das heißt: Bleibe so, wie du natürlicherweise BIST. Um Sphurana kontinuierlich aufrechtzuerhalten, ist die vollkommene Abwesenheit von Anstrengung erforderlich.

Warum? Weil Anstrengung auf die Existenz des sie hervorrufenden Egos hindeutet, und wenn das Ego seine Aktivitäten wieder aufnimmt, lässt Sphurana nach. Bemühe dich, völlig ohne Anstrengung zu bleiben. Wer ist derjenige, der an Sphurana festhalten will? Es ist der boshafte Schelm, den wir Ego nennen. Deswegen erlaube dem Ego nicht, Sphurana zu stören; lass es unendlich fortfahren, indem du ständig ausschließlich als dieses (Sphurana) bleibst. Dieses Sphurana ist eine Teilerfahrung des Selbst. Es ist ein Hinweis auf die kommende Herrlichkeit. Aber um sich zum Selbst zu erheben, muss es ungestört bleiben; ihm muss erlaubt sein, unbegrenzt weiterzuschreiten. Dazu muss das Ego in Schach gehalten werden – durch Vichara. Wann immer du also merkst, dass Sphurana nachlässt, frage dich: „Wer bin ich?“ Am Ende wird sich alles fügen.

Fotos aus dem Buch

23. September 1936

Ein kleiner weiser Junge

Ein kleiner Iyyengar-Junge, der seine Eltern und Verwandten zum Ashram begleitete und dessen Familie aus dem Nachbardorf Nedungunam gekommen war, um Sri Bhagavan zu besuchen, hatte einen Pambaram [Kreisel] mitgebracht und spielte damit in der Halle. Der Aufseher war der Meinung, dass es die Meditierenden in der Halle stören würde und wollte dem Jungen sein Spielzeug wegnehmen. Der Junge, der verstand, warum der Aufseher auf ihn zukam, rief: „Ich werde aufhören, damit zu spielen, aber bitte lass ihn von selbst zu Ende drehen; bitte halt ihn nicht an!“ 

Seine kindliche Stimme klang bei diesen Worten so schrill und ernst, dass alle lächelten, auch Sri Bhagavan. Der Vater des Jungen entschuldigte sich, trat vor, nahm das Pambaram vom Boden und steckte es in eine Tasche seines Khadarjibba (Baumwollhemd). 

Dann packte er seinen Sohn grob am Arm und setzte ihn auf den Schoß seiner Mutter. Der Junge begann zu weinen, wurde aber schnell von seiner Mutter in den Schlaf gewiegt, die ihn auf und ab schaukelte und ihm beruhigende Worte ins Ohr flüsterte. 

Der Meister bemerkte vergnügt zum Vater des Jungen: „Siehst du, dein Sohn hat deine Frage beantwortet.“

F: Ich verstehe nicht, was Bhagavan mir sagen will; ich hoffe inständig, dass er meinem unwissenden Sohn verzeihen wird, dass er … 

B: Gestern hast du eine Frage über das Prarabdha des Jnani gestellt. Erinnerst du dich? 

F: Ja; ich hatte Zweifel: wenn der Jnani alle Prarabdha transzendiert hat, wie kommt es dann, dass er noch immer einen Körper hat? Das war mein Zweifel, aber Sri Bhagavan brachte mich zum Schweigen, indem er sagte: „Warum kümmerst du dich um Jnanis? Kümmere dich zuerst und vor allem um dich selbst. Wenn die Wahrheit über das eigene Selbst entdeckt wird, sind alle Zweifel beseitigt.“

B: Hast du gehört, was dein Sohn gesagt hat? Was war seine Bitte? Er würde aufhören, mit seinem Pambaram zu spielen, aber der Kreisel müsse von allein zum Ende kommen. Du bist natürlich nicht auf sein Flehen eingegangen, sondern hast das Pambaram auf der Stelle gestoppt. 

Doch Ishwara ist nicht so. Das Prarabdha, das mit dem Körper des Jnani verbunden ist, muss sich unausweichlich erschöpfen. Wobei daran zu erinnern ist, dass diese Erklärung für den Jnani selbst keine Gültigkeit mehr besitzt; aus seiner Sicht hat er bereits gar keinen Körper mehr. Nur der Betrachter denkt, dass der Jnani der Körper ist; der Jnani selbst unterliegt diesem Fehler nicht. Da der Körper empfindungslos ist, ist er nicht in der Lage zu sagen: „Schau her, ich bin du; du musst dich gut um mich kümmern, der ich du selbst bin.“ Du bist es, der sich einbildet: Ich bin der Körper. Beende diese imaginäre Identifikation und alles wird gut.” 

19. September 1936

Vinayakar Chathurti Feierlichkeiten und Mr. Knowles

Heute wird im Ashram die Feier des Vinayakar Chathurti [Fest zum Geburtstag von Ganesha] begangen. Als ich am Morgen eintrat, stand eine kleine, bunt gemischte Menschenmenge mit gelben, weißen und braunen Gesichtern in der Nähe des Samadhi von Sri Bhagavans Mutter. Ein großes tönernes Vinayakar-Bildnis ist unweit des Samadhi aufgestellt worden. 

Als ich näherkam, war ich etwas erstaunt, den Meister selbst in der Mitte stehen zu sehen; er nahm normalerweise nicht an der Puja [indische Zeremonie der Anbetung] teil, die jeden Tag am Platz des Sarkophags durchgeführt wurde. Da ich mich nicht für die Zeremonien der rituellen Verehrung interessierte, versuchte ich, wie üblich, in Richtung Halle zu gehen und huschte vorwärts; aber eine Hand ergriff meinen rechten Arm: Es war Sri Bhagavan selbst! 

Ich drehte mich um und stand ihm sprachlos gegenüber; die beglückende Erregung der göttlichen Berührung seines heiligen Fleisches können nur die kennen, die es selbst erlebt haben. Das Fleisch des Meisters war weich und locker – als wollte es nicht an den Knochen haften bleiben; es war zart und kühl bei der Berührung.

„Wo gehst du hin? Wie können wir ohne dich Vinayakar Chathurti feiern?“, scherzte er.

Der Sarvadhikari, der in der Nähe stand, lachte und sagte: „Bhagavan hat sich geweigert, die Puja ohne deine Anwesenheit beginnen zu lassen.“

Also wurde ich gezwungen, in der Nähe der tönernen Statue zu stehen. Jedes Mal, wenn die Priester eine Zeile der Rituale beendeten, wurde ich gebeten, einige Blumen auf Vinayakars Abbild zu werfen. Nach einiger Zeit wurde Vinayakar Naivaedya [Opfergabe] dargebracht und Prasadam [heilige Speise] verteilt.

Eine Witwe, bekannt als Yechammazl, die offensichtlich eine alte Verehrerin des Meisters ist und seit der Zeit, als Bhagavan in der Virupaksha-Höhle wohnte, jeden Tag zu ihm kommt, kam heute lange vor Tagesanbruch mit einem kleinen Jungen, den ich für ihren Enkel hielt, und brachte für alle Kozhakattais (süße Teigtaschen) zum Essen. Aber die Priester nahmen (fälschlicherweise) an, dass sie der nicht-arischen Rasse (der Panchamabandham-Kaste) angehörte, und stellten ihren schäbigen Blechtopf schweigend beiseite. Ihre Opfergabe wurde nicht in das Naivaedya aufgenommen. 

Als dem Meister zum ersten Mal Prasadam ausgeteilt wurde, saß er wie versteinert da und ignorierte die Priester, die versuchten, es ihm zu überreichen. Bald wurde der Grund dafür entdeckt, und Naivaedya wurde ein zweites Mal durchgeführt, jetzt zusammen mit dem Essen, das die Dame mitgebracht hatte.

Diesmal nahm der Meister es an und aß, was ihm in die Hand gegeben wurde; das erste, was er in den Mund steckte, war ein Kozhakattai von Yechammazl. Die Augen der alten Frau glitzerten bei diesem Anblick mit Freudentränen. Bhagavan lächelte sie freundlich an. Später erfuhr ich, dass der Junge, der bei ihr war, nicht ihr eigenes Enkelkind, sondern ein Adoptivkind war.

Interessanterweise heißt dieser Junge Venkataraman, aber alle nennen ihn Ramana! Dieser Junge und ich verteilten Prasadam an alle Anwesenden. Chadwick scheint Kozhakattais zu lieben und fragte mich, wie sie hergestellt werden; ich grinste ihn an und sagte ihm ganz offen, dass ich keine Ahnung hätte. Der junge Ramana verstand irgendwie diese Konversation und machte eine äußerst weise Bemerkung: „Sie zu essen ist einfacher, als sie zu machen; beschränken wir uns also auf das Erstere.“ Alle lachten. 

Mr. Knowles interessierte sich sehr für die Ezhaik Kolam-Muster [traditionelle dekorative Kunst aus Reismehl an Festtagen], die zu diesem Anlass auf den Boden gezeichnet wurden. Er beugte sich vor und versuchte, die Muster in sein Notizbuch zu übertragen. Er erhielt einen Schlag auf die Schulter und drehte sich um – und sah den Meister hinter sich stehen.

„So nicht …“, sagte er und hockte sich neben dem verblüfften Mr. Knowles auf den Boden, um ihm den Stift und das Notizbuch abzunehmen. Gekonnt zeichnete seine Hand das Muster korrekt über Mr. Knowles unfähiges Gekritzel, und er gab sie mit den Worten zurück:

„So – und jetzt lass uns sehen, wie du den nächsten versuchst.“ Aber Mr. Knowles bekam es nicht richtig hin. So trat Bhagavan näher an ihn heran, ergriff seine Hand und führte den Bleistift mühelos über das Notizbuch. Eine Zeit lang blieb der gesegnete Kontakt bestehen. Dann lachte der Maharshi und ging weg. Die Menge zerstreute sich.

Nur eine Person bewegte sich nicht. Mr. Knowles war von einer seltsamen, katatonischen Ekstase wie gelähmt. Er lächelte auf merkwürdige Weise, wie ein Kleinkind; seine Augen und, da bin ich mir sicher, auch seine Aufmerksamkeit waren auf nichts gerichtet. Das Notizbuch und der Bleistift lagen verlassen auf dem Boden. Alle paar Augenblicke in etwa zuckte der Mann mit einem kleinen Spasmus zusammen, offensichtlich ausgelöst durch einen inneren Zwang. Samuel Cohen versuchte, ihn zu wecken, aber Chadwick hielt ihn zurück und überzeugte ihn, dass die vom Meister vermittelte Erfahrung ihren Lauf nehmen müsse.

Erst einige Stunden später kam Mr. Knowles in die Halle und warf sich vor dem Meister nieder. Man mochte ihn leicht für einen geschwätzigen Mann halten, aber ich habe nie beobachtet, dass er diese ihm gewährte Erfahrung in der Halle zur Diskussion gestellt hätte.

Aham Sphurana – Ein Einblick in die Selbstverwirklichung

Faszinierende Geschichten um und tiefgründige Dialoge mit Sri Ramana Maharshi, aufgezeichnet von Sri Gajapathi Aiyyer im Sommer 1936 im Ramana Ashram.

Dieses Buch enthält eine fundierte Auswahl aus dem umfangreichen Manuskript „Aham Sphurana“ ein leuchtender Schatz, der für sich selbst spricht.

Neben detaillierten Lehren über Selbsterforschung, Hingabe und Jnana gibt es neue Einblicke in Bhagavans alltägliches Leben im Alter von sechsundfünfzig Jahren.

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