Aham Sphurana

Eine Auswahl von Lehren

aus

Sri Gajapathi Aiyyers unveröffentlichem 1936 Tagebuch

Bhagavan Sri Ramana Maharshi

Unverwirkliche das Nicht-Selbst

Seiten 494-495

18th August, 1936

F.: Wenn man den theologischen Aussagen der Christen glauben will, werden wir alle in Sünde verstrickt geboren. Ist die Lehre von der Erbsünde wahr?
B.: Was geboren wird, wird immer in Sünde geboren. Der Ungeborene ist sündenfrei; deshalb wird Er nie geboren. Die Geburt in Samsara [Welt des Leidens und der Unzufriedenheit] ist der Vorbote des Leidens. In Wahrheit bist du das Eine Absolute. Aber offenbar hast du den Glauben an die Begrenzungen und die Form dieses vergänglichen Körpers angenommen. Dein wahres Selbst kennt weder Anfang noch Ende. Aber jetzt bist du scheinbar geboren worden und wirst sterben. Warum?

 
F.: Ich weiß es nicht.
B.: Finde es heraus.


F.: Wenn ich mein Leben dem Allmächtigen übergebe, werde ich dann sorgenfrei bleiben?
B.: Jemand, der sich hingibt, würde weder diese noch irgendeine andere Frage stellen. Hingabe ist kein Mittel zum Zweck. Etwas, das „Tun“ beinhaltet, kann nicht Hingabe sein. Gib alles auf und hör auf, dich [auf der mentalen Ebene] um irgendetwas zu kümmern – das ist Hingabe. Manche antworten, wenn sie aufgefordert werden, sich hinzugeben: „Erledigt, Swami.Und wann werde ich das Selbst verwirklichen?’. Das ist absurd. Sich hinzugeben bedeutet, sogar die fundamentale oder primäre willkürlich-mentale Konzeptualisierung [Vritti] aufzugeben, das aham vritti [Ich-Gedanke]. Wenn du nicht da bist, wer wird dann Zweifel oder Fragen aufkommen lassen? Nach wahrer Hingabe bleibt nur Stille.


F.: Was ist der Kern von Bhagavans Lehren?
B.: Du sagst, ich bin; finde heraus, wer ist. Finde die Quelle der Gedanken; bleibe ein für alle Mal dort.


F.: Woher weiß ich, dass die ganze Sache mit der Selbstverwirklichung nicht nur ein einziger Betrug ist?
B.: Genau das ist sie.


F.: Was?! Warum leitest du dann diesen Ashram und führst die Leute in die Irre?
B.: Ich leite keinen Ashram. Die Leute kommen hierher und fragen, wie man das Selbst verwirklichen soll. Ihnen wird etwas gesagt und sie gehen erst einmal zufrieden weg. Soweit ich weiß, gibt es nichts, was Gegenstand der Verwirklichung sein kann. Das Selbst ist immer in der Verwirklichung. Die Sonne kennt keine Dunkelheit.

Es gibt nichts außer dem Selbst, um das Selbst zu erkennen. Es gibt nicht zwei Selbst, damit sie einander erkennen können. Wer soll was erkennen? Wenn alles [einschließlich dem Entsagenden] aufgegeben wird, steht das Selbst enthüllt da. Aber die

Menschen verstehen das nicht und wollen „das Selbst verwirklichen“. Was kann ich da tun? Wie kann man das verwirklichen, was einzig wirklich ist? Kannst du der Realität Realität verleihen? Ist das nicht lächerlich? Alles, was möglich ist, ist, nicht das Nicht-Selbst zu realisieren. Dann verbleibt nur das Selbst.


F.: Nach Bhagavan ist es unumstößlich, dass das Vorherbestimmte unvermeidlich ist. Diese Aussage scheint für Sadhakas [Wahrheitssuchende] äußerst entmutigend zu sein. Wenn nur das geschehen wird, was vorbestimmt ist, was bringt es dann, eine Sadhana [spirituelle Disziplin] zu praktizieren? Vielleicht bin ich ja einfach dazu bestimmt bin, überhaupt nicht zu realisieren.
B.: Weißt du, was dein Schicksal für dich bereithält? Kannst du das vorher wissen?


F.: Nein.
B.: [lächelnd] Also fahre mit deiner Sadhana fort.


F.: Was nützt das, wenn ich dazu bestimmt bin, nicht zu realisieren?
B.: Wenn es sich als nutzlos herausstellt, dann lass es. Was macht das schon? Es ist nur das Ego, das sich anstrengt; das sowieso von Anfang an nicht existiert oder fiktiv ist. Das, was real ist, kann sich nicht anstrengen. Wenn du schlussendlich verwirklichst – sogar dann kann all die Anstrengung [von der du sprichst] immer nur als Verschwendung bezeichnet werden. Denn dann wirst du feststellen, dass du viel Mühe aufgewendet hast, um den offensichtlichsten und selbstverständlichsten Naturzustand zu entdecken! Wie lächerlich die Idee von Sadhana ist, wirst du erst dann sehen.

 
F.: Also, ist nach Bhagavan, die Fata Morgana-ähnliche Existenz des Egos im Großen und Ganzen einfach eine völlige Verschwendung?
B.: Ja. Aber nehme Bhagavan nicht beim Wort. Alles, was möglich ist, ist, das Nicht-Selbst zu nicht-verwirklichen. Erforsche für dich die Wahrheit dieser Tatsache, und zwar indem du dich bei dieser Sache ausschließlich auf deine eigene Einsicht verlässt. Warum solltest du dich auf die Meinung anderer verlassen? Die Meinungen anderer werden genauso gehen, wie sie gekommen sind.


F.: Aber ich vertraue auf die Worte von Bhagavan.
B.: Nur die eigene Erfahrung kann die Wahrheit enthüllen. Das Aufblühen oder die Offenbarung des Lichts der Wahrheit von innen kann nur das Ergebnis davon sein, dass man das eigene Auge der Weisheit geöffnet hat. Andere können dir nur den Weg zeigen. Das Pferd kann nur zum Teich geführt werden.


F.: Der Glaube an die Worte des Gurus reicht aus, um zur Befreiung zu führen, so steht es in den Büchern.
B.: Ja, aber du musst nach diesen Worten handeln. Kann die Gnade des Gurus als Ersatz für unsere eigenen Bemühungen dienen? Einige beruhigen sich selbst mit der Vorstellung, dass ihr Guru sich um sie kümmert, komme was wolle. Dann bleiben sie träge. Der Guru [selbst] wird als Entschuldigung dafür benutzt, sich nicht anzustrengen. Einige glauben, dass, wenn der richtige Moment gekommen ist, der Guru selbst sie rufen wird, und ihnen ihre Verwirklichung auf einem Tablett serviert. Der Guru kann dir die Verwirklichung nicht mit dem Löffel füttern. Ich habe den Weg gezeigt. Es liegt an dir, den Rest zu tun.


F.: Aber ich bin ein schwaches Wesen…
B.: Nein. Schwäche ist nur eine Idee oder ein Gedanke. Swami Vivekananda hat gesagt:
‚Was immer du denkst, das wirst du sein. Wenn du dich für schwach hältst, wirst du schwach sein; wenn du dich für stark hältst, wirst du stark sein.’
Wenn du also nichts denkst, wird dein Ego auf nichts reduziert. Die Leute stellen sich vor, schwach zu sein, weil es bequem ist und ihnen erlaubt, träge zu sein. Diese vorgebliche Schwäche wird als Entschuldigung dafür verwendet, untätig zu bleiben. Müßiggang ist die Antithese zur Stille. Müßiggang ist Schlaflosigkeit oder Erstarrung. Stille ist bewegungslose Wachsamkeit. Wer hat gesagt, dass du schwach bist? Tatsache ist, dass du nie erkennen wirst, wie stark du bist, bis dir die Option, schwach zu sein, weggenommen wurde. Wenn es dir nicht mehr möglich ist, dir vorzustellen, dass du schwach bist, ist stark der einzige Weg, zu SEIN. Kämpfe wie verrückt, bis du das Licht im Inneren triffst. Sri Ramakrishna sagte:

  „Die Festung des Reich Gottes muss im Sturm erobert werden.“

 

Edited by John David Oct 2021

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